Was tun, wenn Dein Angehöriger wegläuft?
Wenn ein pflegebedürftiger Mensch unbemerkt die Wohnung verlässt, ist der Schreck groß. Dann heißt es: Ruhe bewahren und die ersten Schritte einleiten. Es gibt einige Dinge, die Du beachten kannst, um einerseits die Tendenz wegzulaufen zu verringern und Dich andererseits für den Ernstfall vorzubereiten.
Das Wichtigste in Kürze
- Wenn Dein Angehöriger wegläuft, ist es vor allem wichtig, einen klaren Kopf zu bewahren und schnell zu handeln.
- Suche zuerst in der direkten Umgebung und informiere nahestehende Menschen, die Dir beim Suchen helfen können.
- Die Polizei darf jederzeit eingeschaltet werden, lieber einmal zu früh als zu spät.
- Für mögliche Kosten musst Du in der Regel nicht aufkommen.
- Ihr könnt einiges zur Vorbeugung tun, damit solche Situationen künftig möglichst nicht mehr vorkommen.
Dein Angehöriger wird vermisst
Meistens passiert es mitten im Alltag: Eben noch war alles in Ordnung und plötzlich ist Dein pflegebedürftiger Angehöriger nicht mehr auffindbar. Wenn Du dann die offene Wohnungstür siehst, überschlagen sich die Gedanken. Jetzt ist es wichtig, nicht in Panik zu verfallen. Viele Pflegebedürftige entfernen sich nicht weit. Sie folgen Gewohnheiten. Vielleicht gehen sie einen vertrauten Weg oder suchen einen bekannten Ort auf. Manche bleiben auch einfach nur kurz vor der Tür stehen oder setzen sich in der Nähe auf eine Bank.
Gut zu wissen: In der professionellen Pflege bezeichnet man die Weglauf-Tendenz mittlerweile oft als Hinlauf-Tendenz. Denn die meisten pflegebedürftigen Menschen haben ein klares Ziel vor Augen, zu dem sie wollen: zum Beispiel das alte Zuhause, die frühere Arbeitsstelle oder Freunde von damals.
Die Suche beginnen
Wenn Dein Familienmitglied weggelaufen ist, kann die Situation – je nach den aktuellen Gegebenheiten – als gefährlich oder weniger gefährlich eingeschätzt werden. Das bestimmt Dein Zeitfenster und Deine Handlungsoptionen. Für die Einschätzung der Lage und das weitere Vorgehen spielen folgende Faktoren eine Rolle:
- Ist Dein Angehöriger kognitiv oder körperlich eingeschränkt?
- Kann er sich noch zur aktuellen Wohnadresse äußern?
- Kann die betroffene Person aktiv Hilfe anfordern?
- Ist sie zeitnah auf wichtige Medikamente angewiesen?
- Ist Dein Familienmitglied schon einmal weggelaufen und hat dabei bestimmte Orte aufgesucht?
- Herrscht draußen viel Verkehr?
- Ist es Tag oder Nacht?
- Wie ist das Wetter?
Suche zuerst im direkten Umfeld: Hauseingang, Garten, Nachbarhaus. Sprich Nachbarn an. Frage freundlich, ob jemand etwas gesehen hat und bitte darum, die Augen offenzuhalten. Nimm Dein Handy mit. So bleibst Du erreichbar. Wenn möglich, überlege: Gibt es typische Wege oder Ziele, die Dein Angehöriger aufsuchen könnte? Den gewohnten Supermarkt, die alte Wohnung, den früheren Arbeitsplatz? Beliebt sind auch Bushaltestellen oder Bahnhöfe.
Meistens ist es sinnvoll, Dir schnellstmöglich Unterstützung im Verwandten- und Bekanntenkreis zu organisieren. Stelle sicher, dass jemand an der Wohnstätte Deines Angehörigen bleibt, falls er allein wieder zurückfindet.
Wann die Polizei informieren?
Die Polizei darfst Du jederzeit einschalten. Du brauchst keine Mindestwartezeit. Viele haben Sorge überzureagieren, doch auch genau dafür ist die Polizei da. Sie nimmt die Situation ernst und leitet Suchmaßnahmen ein – vor allem, wenn Lebensgefahr besteht, weil zum Beispiel die Wetterverhältnisse kritisch sind, die Unfallgefahr aufgrund von Desorientierung groß ist oder Dein Angehöriger zeitnah auf wichtige Medikamente angewiesen ist.
Du brauchst auch keine Bedenken zu haben, auf eventuellen Kosten sitzenzubleiben. In der Regel entstehen für Dich keine Kosten, wenn du die Polizei informierst. Das gilt üblicherweise auch, wenn sich der Einsatz später als unnötig herausstellen sollte, weil Dein Familienmitglied zum Beispiel doch nur im Garten war.
Sicherheit im Alltag schaffen
Einige einfache Maßnahmen können dafür sorgen, dass ein Weglaufen weniger wahrscheinlich wird:
- Sorge für klare Abläufe: Feste Routinen und deutliche Hinweise auf Ausnahmen geben Deinem pflegebedürftigen Angehörigen Orientierung. Manche Weglauf-Situationen entstehen, weil jemand denkt, er müsse zu einem Arzttermin, zu einem Besuch oder es wäre Zeit für den täglichen Spaziergang. Beispielsweise können Hinweisschilder helfen, die Du gut sichtbar irgendwo aufhängst, wenn an diesem Tag eine Aktivität ansteht. Gut eignen sich Symbolbilder wie Bäume für einen Spaziergang oder das Bild eines Familienmitglieds, das zu Besuch kommt. Ob und wie gut Dein Angehöriger diese zuordnen kann, hängt natürlich von seinem kognitiven Zustand ab.
- Achte auf typische Auslöser: Manche Menschen werden unruhig, wenn sie sich vor etwas ängstigen, zum Beispiel vor ungewohnten Geräuschen oder wenn sie sich allein fühlen. Du kennst Deinen Angehörigen bestimmt so gut, dass Du weißt, was so eine Unruhe bei ihm auslösen könnte. In solchen Momenten können Ablenkung oder besondere Nähe helfen.
- Biete gezielt Bewegung an: Vor allem Personen, die an Demenz erkrankt sind, haben oft einen außergewöhnlich hohen Bewegungsdrang. Wenn sie diesen bei einem begleiteten Spaziergang oder einem Aufenthalt im Garten abbauen können, ist die Weglauf-Tendenz geringer.
Gut zu wissen: Der erste Impuls kann sein, Deinen Angehörigen einfach einzuschließen oder sogar im Bett zu fixieren. Dieser Gedanke ist nachvollziehbar, schließlich möchtest Du ihn vor Gefahr bewahren. Doch solch drastische Maßnahmen sind nur unter sehr begrenzten Umständen erlaubt. Ansonsten kann es rechtlich als Freiheitsberaubung gewertet werden und ist in der Regel nur kurzfristig in akuten Notsituationen geduldet, um eine drohende Lebensgefahr abzuwenden. Dauerhafte freiheitsentziehende Maßnahmen müsstest Du beim Betreuungsgericht beantragen und dort genehmigen lassen.
Absichern für den Ernstfall
Vollständig verhindern lässt sich ein Weglaufen nicht immer, auch wenn Du noch so gut für Deinen Angehörigen sorgst. Für diesen Fall kannst Du einige Vorbereitungen treffen:
- Mach Hilfe möglich: Ein Armband mit Namen und Deiner Telefonnummer am Arm Deines Angehörigen kann Außenstehenden helfen, ihn im Weglauf-Fall wieder nach Hause zu bringen.
- Binde das Umfeld ein: Informiere die Nachbarn oder den Bäcker um die Ecke, dass Dein Angehöriger pflegebedürftig ist und Hilfe und Begleitung benötigt. Ein einfacher Hinweis wie „Bitte kurz Bescheid sagen, wenn Sie ihn allein sehen“, reicht oft schon.
- Bereite Dich vor: Wenn der Ernstfall eintritt, benötigt die Polizei möglichst einen Steckbrief und ein aktuelles Foto Deines Angehörigen. Das kannst Du einfach vorbereiten und griffbereit ablegen. Es erleichtert zudem die Suche zu wissen, welche Kleidung er aktuell trägt. Es ist auch praktisch, Visitenkarten mit Deiner Telefonnummer zu erstellen. Diese kannst Du in einer Such-Situation an Passanten verteilen, die Dein Familienmitglied eventuell sehen und Dich so informieren können.
- Nutze technische Hilfen: Türsensoren oder simple Glöckchen an der Wohnungstür machen Dich aufmerksam, wenn jemand hinausgeht – sofern Du in Hörweite bist. Ein GPS-Tracker in Jacke oder Hose Deines Familienmitglieds gibt Dir die Möglichkeit, schnell zu sehen, wo er sich es befindet. Auch ein mobiler Hausnotruf ist hilfreich.
Du möchtest Dich über die Möglichkeiten eines mobilen Hausnotrufs informieren? Du kannst direkt hier in der App eine Beratung bei der Johanniter-Unfall-Hilfe anfragen.
Gut zu wissen: Diese Maßnahmen sind nicht nur hilfreich, wenn ein Mensch mit Demenz sich verirrt. Auch wenn Dein Angehöriger eine Aphasie (Sprachstörung) oder Sehbehinderung hat, kann es ihm schwerfallen, Hilfe zu finden, wenn er nicht mehr nach Hause findet.
Auch, wenn die Situation natürlich beängstigend sein kann: Die meisten weggelaufenen Menschen mit Pflegebedarf werden innerhalb kurzer Zeit wieder sicher nach Hause gebracht. Mit gezielten Vorsorgemaßnahmen und einer guten Vorbereitung für den Ernstfall tust Du viel dafür, dass es bei Euch genauso ist.

