Die Kraft der Musik

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Musik kann mehr als unterhalten. Sie kann beruhigen, Erinnerungen aktivieren und Nähe schaffen. Für pflegende Angehörige kann sie ein einfaches und wirksames Werkzeug sein, um den Alltag leichter und persönlicher zu gestalten. Sowohl für Dich selbst, als auch für Deine Lieben mit Pflegebedarf.

Das Wichtigste in Kürze

  • Musik kann Unruhe reduzieren, Schmerzen lindern und Erinnerungen wecken.
  • Schon kleine musikalische Rituale können den Pflegealltag spürbar erleichtern.
  • Wichtig ist, die Musik individuell auszuwählen und achtsam einzusetzen.
  • Du brauchst dafür weder besondere Vorkenntnisse noch viel Zeit. Es reicht, wenn Du auf die Reaktion Deines Angehörigen achtest.

Warum Musik so viel bewirken kann

Musik spricht direkt unser Gehirn und unsere Gefühle an. Vielleicht kennst Du das von Dir selbst: Du musst nur die ersten Klänge eines Lieblingshits aus Teenie-Tagen hören und fühlst Dich plötzlich emotional in diese Zeit zurückversetzt. Für Menschen mit Pflegebedarf bedeutet das:

  • weniger Unruhe und Angst
  • bessere Stimmung
  • mehr Orientierung im Alltag
  • Zugang zu Erinnerungen

Doch nicht immer muss es um bekannte Melodien gehen. Je nach Genre kann Musik motivierend, beruhigend oder aufheiternd wirken. Viele empfinden zum Beispiel sanfte, klassische Musik mit Streichern und ruhigen Klängen als entspannend, während schnellere Rhythmen mit viel Bass und Schlagzeug tendenziell anregend sind.

Musik kann verbinden

Musikalische Klänge können Nähe herstellen, ohne dass viel gesagt werden muss. Die Stimmung wird dann oft ruhiger, weniger angespannt, ein bisschen leichter. Und genau solche Momente können im anstrengenden Pflegealltag viel verändern.

Praktische Ideen:

  • Schalte bestimmte Musik zu festen Uhrzeiten ein, um ein Gefühl für die Tageszeit zu vermitteln.
  • Gerade bei anstrengenden Tätigkeiten wie der Körperpflege kann beruhigende Musik im Hintergrund für Entspannung sorgen.
  • Falls es sie gibt, hört gemeinsame Lieblingslieder – gerne solche, die schöne Erinnerungen wecken, zum Beispiel an Urlaube oder Feste.
  • Motiviere Dein Familienmitglied zum gemeinsamen Singen vertrauter Lieder, zum Beispiel bekannter Volkslieder aus der Kindheit.
  • Vielleicht finden sich sogar einfache Musikinstrumente wie eine Rassel oder ein Glockenspiel, um noch mehr in die Musik eintauchen und sie mitgestalten zu können.
  • Nutzt ruhige Entspannungsmusik zum Einschlafen oder bei Schmerzen.

Musikgeschmack kennen

Gerade bei der Musikauswahl lohnt sich ein genauer Blick: Ältere Pflegebedürftige reagieren oft besonders gut auf Musik aus ihrer Jugend – also Volkslieder, Schlager oder bekannte Pop- und Rockklassiker aus den 50er- bis 70er-Jahren. Jüngere Menschen haben dagegen oft andere musikalische Vorlieben. Sie mögen tendenziell Pop, Rock, Punk und HipHop aus aktuelleren Zeiten, aber auch Musik aus Filmen und Musicals sowie klassische Musik.

Wichtig ist, nicht einfach wahllos einen Radiosender einzuschalten. Die Musik sollte Deinem Angehörigen gefallen, vor allem, wenn er sich vielleicht nicht mehr adäquat dazu äußern kann. Ein Elvis- oder Rolling-Stones-Fan wird bei Volksmusik wohl weniger begeistert sein. Klassik-Liebhaber möchten kaum den ganzen Tag mit Schlagern aus den 70ern beschallt werden. Entscheidend ist nicht das Alter allein, sondern der persönliche Musikgeschmack.

Musik wirkt tief

Studien zeigen, dass Musik besonders dann wirkt, wenn sie für jemanden eine persönliche Bedeutung hat. Das bestätigt eine niederländische Studie, die 2024 im Fachblatt „Frontiers in Medicine“ erschienen ist. Dabei zeigte sich: Wurde gezielt mit individuell ausgewählten Liedern gearbeitet, also mit Musik, die Pflegebedürftige aus der Vergangenheit kannten und mochten, konnten Pflegende eine deutliche Reduzierung von Unruhe und Angst feststellen.

Fachleute gehen davon aus, dass vertraute Musik tiefer verankerte Erinnerungen und Gefühle anspricht als unbekannte Klänge. Sie erreicht damit oft auch Menschen, die auf andere Reize kaum noch reagieren. Das liegt unter anderem daran, dass musikalische Erinnerungen an verschiedenen Stellen im Gehirn abgespeichert werden, auch im prozeduralen Gedächtnis. Sich an Musik zu erinnern gehört damit wie Stricken oder Fahrradfahren zu den Fertigkeiten, die noch sehr lange intuitiv erhalten bleiben.

Unser Tipp: Wenn Dein Angehöriger noch aus seiner Vergangenheit erzählen kann, dann lass Dir doch mal seine Lieblingslieder nennen. Daraus kannst Du dann einen ganz persönlichen „Soundtrack des Lebens“ zusammenstellen. Dabei sein können dann sowohl geliebte Kinderlieder als auch vertraute Volkslieder, die Songs, die zur Jugendzeit in den Discos oder Tanzbars liefen, oder die Musik, die zur Hochzeit gespielt wurde.

Musik bei Demenz

Bei Menschen mit Demenz vermag Musik, eine Brücke in die Vergangenheit zu schlagen, die mit Worten nicht mehr möglich ist. Ein bekanntes Lied kann plötzlich Erinnerungen, Emotionen oder sogar Sprache zurückbringen. Insbesondere bei gut bekannter Musik kannst Du oft regelrecht dabei zusehen, wie der Stresspegel bei Deinem Angehörigen sinkt und Glücksgefühle zunehmen. Wenn Ihr gemeinsam singt oder musiziert, wird bei allen Beteiligten das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Das tut unglaublich gut. Diese Momente sind zwar oft nur kurz, aber sehr wertvoll.

Typische Effekte bei Demenz sind:

  • Mitsingen trotz eventuell vorhandener Sprachprobleme
  • Aufhellung der Stimmung
  • mehr Kontakt und Blickkontakt
  • kurzfristige Aktivierung
  • Unterbrechen von unruhigen Phasen

Gut zu wissen: Zu laute Musik kann schnell überfordern. Achte auf eine angenehme Lautstärke und beobachte die Reaktion.

Musik als Entlastung für Dich

Nicht nur für Deinen zu pflegenden Angehörigen, sondern auch für Dich kann Musik eine mentale Unterstützung im Pflegealltag sein. Du kannst damit:

  • Stress reduzieren
  • kleine Pausen schaffen
  • emotionale Entlastung herbeiführen

Manchmal tut es vielleicht auch Dir gut, ein Lieblingslied lauthals mitzusingen – egal, wie es klingt. Das kann Druck abbauen, den Kopf freimachen und Dir für einen Moment neue Energie schenken.

Und wenn Du abends runterkommen willst, kann Musik auch dabei helfen. Ein paar Minuten Zeit auf dem Sofa, dazu ruhige Musik, eine Tasse Tee, vielleicht eine Kerze – oft braucht es nur das, und Du kannst nach kurzer Zeit spüren, wie die Anspannung nachlässt. Probiere es einfach mal aus, wenn Du magst.