Header image of Weiße Trauer

Nicht jede Trauer beginnt erst nach einem Todesfall. Viele pflegende Angehörige erleben schon lange vorher schmerzliche Gefühle, weil sich ein geliebter Mensch zum Beispiel durch eine Demenz oder eine andere schwere Erkrankung verändert, vielleicht sogar Stück für Stück schwindet. Diese sogenannte weiße Trauer kann belasten, Dir aber auch dabei helfen, den Abschied zu verarbeiten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Weiße Trauer beschreibt eine besondere Form der Trauer.
  • Dabei wird betrauert, dass ein nahestehender Mensch körperlich noch da ist, sich aber beispielsweise durch eine Krankheit stark verändert.
  • Viele pflegende Angehörige erleben in einer solchen Situation widersprüchliche Gefühle wie Trauer, Schuld oder Wut. All das ist normal.
  • Wer die eigenen Gefühle zulässt, statt sie zu verdrängen, kann langfristig besser mit der belastenden Situation umgehen.
  • Weiße Trauer ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine natürliche Reaktion auf einen schmerzhaften Veränderungsprozess im unmittelbaren Umfeld.
  • Gespräche, Unterstützungsangebote und kleine Auszeiten können Dir helfen, neue Energie im Trauerprozess zu sammeln.

Was ist weiße Trauer?

Trauer hat eine Farbe. Sie ist schwarz – zumindest in den meisten Köpfen im westlichen Kulturkreis. Diese farbliche Komponente reicht von schwarzer Kleidung über schwarz umrandete Beileidskarten bis hin zum schwarzen Grabschmuck. Die schwarze Farbe macht deutlich: Hier ist ein Mensch gegangen.

Doch ein Mensch kann schon zu Lebzeiten allmählich schwinden oder sich verändern. Die Farbe schwarz scheint in diesem Fall nicht zu passen, schließlich lebt der Mensch ja noch. Trauern darf man trotzdem. In vielen Pflegehaushalten gibt es schmerzhafte Momente, in denen Pflegende spüren, dass etwas verloren geht, obwohl der Mensch, den man liebt, noch lebt.

Vielleicht baut Deine Mutter körperlich oder geistig deutlich ab oder aber sie erkennt Dich nicht mehr. Oder Du kannst Dich nicht mehr so wie früher mit Deinem Partner unterhalten. Es fühlt sich an, als würdest Du Dich nach und nach von einem vertrauten Menschen verabschieden müssen. Für dieses Gefühl gibt es einen Namen: weiße Trauer. Sie beschreibt die Trauer über einen Verlust, der nicht plötzlich eintritt, sondern sich langsam entwickelt.

Gut zu wissen: Weiße Trauer wird mitunter auch unsichtbare, unerkannte, aberkannte, vorwegnehmende Trauer oder Vortod-Trauer genannt.

Wen kann weiße Trauer treffen?

Am häufigsten ist von weißer Trauer bei Demenz die Rede. Doch sie beschränkt sich nicht darauf. Auch beispielsweise nach einem schweren Schlaganfall, bei Parkinson, einer fortschreitenden psychischen Erkrankung oder sogar durch den ganz gewöhnlichen Alterungsprozess kannst Du als pflegende Person erleben, wie sich ein vertrauter Mensch verändert. Die Sprache wird etwa undeutlicher, die Bewegungen langsamer, der Blick fremder. Was dann bleibt, ist ein Mensch, der Dir manchmal unvertraut vorkommt.

Betroffen sind nicht nur Kinder, die ihre Eltern pflegen. Auch Ehepartner und Ehepartnerinnen, Geschwister oder enge Freunde durchleben weiße Trauer. Übrigens können auch Pflegebedürftige selbst weiß trauern. Schließlich verlieren sie ebenfalls etwas, unter anderem Teile ihrer Gesundheit und womöglich ihre Selbstständigkeit.

So kann sich weiße Trauer bemerkbar machen

Trauer ist etwas sehr Individuelles, egal, ob sie schwarz oder weiß ist. Manche Gefühle kommen in bestimmten Situationen auf, andere begleiten Dich über längere Zeit.

Folgendes kann auf eine weiße Trauer hindeuten:

  • Traurigkeit und Wehmut: Du vermisst die gemeinsame Zeit, frühere Gespräche oder die vertraute Beziehung, obwohl der Mensch noch da ist.
  • Gefühl von Verlust: Du spürst, dass ein Teil des früheren Menschen oder des gemeinsamen Lebens verloren gegangen ist.
  • Hilflosigkeit und Überforderung: Du weißt manchmal nicht, wie Du mit den Veränderungen umgehen sollst oder Dir beziehungsweise Deinem Familienmitglied helfen kannst. Das kann auch wütend machen.
  • Wut und Gereiztheit: Möglicherweise bist Du auch wütend darüber, dass sich Dein Familienmitglied verändert oder dass Du immer mehr Verantwortung übernehmen musst.
  • Schuldgefühle: Vielleicht fragst Du Dich, ob Du genug tust oder ob Du bestimmte Gefühle überhaupt haben darfst.
  • Einsamkeit: Möglicherweise fühlst Du Dich alleine mit Deinen Gefühlen, denn Außenstehende verstehen oft nicht, warum Du traurig bist, obwohl der geliebte Mensch noch lebt.
  • Erschöpfung: Die emotionale Belastung kostet Dich zusätzlich zur Pflege viel Kraft.
  • Erleichterung: Auch Erleichterung kann Teil weißer Trauer sein. Vielleicht fühlst Du Dich erleichtert, wenn eine besonders anstrengende Phase vorüber ist, Dein Angehöriger weniger leidet oder eine schwierige Entscheidung getroffen wurde.

Unser Tipp: Anzeichen weißer Trauer können leicht mit denen emotionaler Erschöpfung verwechselt werden. Nimm Dir Zeit, um Dein Empfinden genau zu hinterfragen. Frage dich etwa: Bin ich erschöpft, weil der Tag einfach zu voll war? Oder steckt dahinter das Gefühl, gerade wieder ein Stück von einem vertrauten Menschen zu verlieren?

Hilfreich und heilsam

Weiße Trauer ist schmerzhaft, sie erfüllt aber für viele Menschen eine wichtige Aufgabe. Sie gibt Dir die Möglichkeit, die Veränderungen bewusst wahrzunehmen und Dich langsam an die neue Situation anzupassen. Anpassungsprozesse sind wichtig für das psychische Wohlbefinden. Ohne sie bleibt ein Mensch in einer Realität hängen, die es so nicht mehr gibt.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Henk Schut hat die Psychologin Margaret Stroebe ein Modell dazu entwickelt, das in der Trauerforschung bis heute als Standard gilt. Demnach verläuft gesunde Trauerbewältigung nicht geradlinig, sondern im Wechsel zwischen zwei Polen: dem bewussten Zulassen des Verlusts und dem ganz normalen Alltag. Bleibt ein Mensch dauerhaft nur in einem der beiden Zustände, fällt die Verarbeitung schwerer.

Wechselst Du zwischen Trauer und Alltag hin und her, statt beides zu verdrängen oder Dich davon überwältigen zu lassen, verarbeitest Du die Veränderungen Schritt für Schritt. Das gilt auch und besonders bei der weißen Trauer. So bleibt Raum, Dich von alten Vorstellungen zu verabschieden und gleichzeitig die Beziehung zu Deinem Familienmitglied aufrechtzuerhalten.

Mit weißer Trauer umgehen

Weiße Trauer kannst Du genauso wenig abschalten wie schwarze Trauer. Folgendes kann Dir helfen, Dich im weißen Trauerprozess zu orientieren:

  • Zweifle nicht an Deinen Gefühlen: Erlaube Dir, die verschiedensten Emotionen zu spüren, und fühle Dich nicht schuldig. Das alles bedeutet nicht, dass Du Deinen Angehörigen weniger liebst.
  • Sprich über das, was sich verändert hat: Tausche Dich mit anderen Menschen aus, etwa in Selbsthilfegruppen. Allein die Erfahrung zu machen, dass andere ähnlich fühlen, hilft oft.
  • Verabschiede Dich von früheren Erwartungen: Manches wird nicht mehr so sein wie früher. Versuche achtsam zu leben, also im Hier und Jetzt. Richte Deinen Blick auf das, was möglich ist, anstatt auf das, was nicht mehr geht.
  • Erlaube Dir Pausen: Pflegen und gleichzeitig trauern verbraucht viel Energie. Plane Dir feste Pausen ein, in denen du Platz für Deine Gefühle schaffst. In der Zeit kannst Du beispielsweise ein Tagebuch führen, etwas unternehmen, was Dir gut tut, oder auch einfach nichts tun. Auch das ist erlaubt.
  • Suche Unterstützung, wenn es Dir zu viel wird: Manchmal braucht man Hilfe, auch im weißen Trauerprozess. Wenn Du einen hohen Leidensdruck verspürst, wende Dich an eine psychotherapeutische Praxis.

Gut zu wissen: Das Festhalten von Erinnerungen kann bei der weißen Trauer helfen. Eine amerikanische Studie zeigt, dass eine digitale Erinnerungsarbeit mit Fotos, persönlichen Geschichten und gemeinsamen Erlebnissen dazu beitragen kann, die Trauer von Angehörigen vor dem Tod eines Menschen mit Demenz zu verringern.

Gib weißer Trauer die Aufmerksamkeit und den Raum, den sie braucht. Selbst wenn es nur um das Nachlassen mancher Fähigkeiten während des gewöhnlichen Alterns geht und nicht explizit um eine Erkrankung, haben diese Gefühle ebenso ihre Berechtigung und ihren Sinn wie schwarze Trauer.

Übrigens: Schwarz ist nicht überall auf der Welt die klassische Trauerfarbe. In vielen östlichen Kulturen, etwa in Indien, Japan und China, ist Weiß die Farbe der Trauer. Sie gilt dort als Symbol für Reinheit, Spiritualität, Schlichtheit und für den Übergang in eine neue Existenzphase, also für den Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt. In Südafrika wiederum ist die Trauerfarbe Rot, während die Mexikaner ihren berühmten Tag der Toten äußerst farbenfroh begehen. Vielleicht helfen Dir also auch andere Farben oder Ideen aus einer anderen Kultur, mit der aktuellen Phase umzugehen.

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