Traumasensibel pflegen
Bei manchen Reaktionen Deines Familienmitglieds fällt es Dir eventuell schwer, sie zu verstehen. Doch was ist, wenn alte Erlebnisse und seelische Verletzungen dahinterstecken? Die traumasensible Pflege hilft Dir, Traumata zu erkennen und behutsam damit umzugehen. Es gibt gute Möglichkeiten, ein Gespräch über die Vergangenheit sanft anzustoßen. Außerdem kannst Du auf verschiedene Dinge achten, um keine alten Wunden neu aufzureißen.
Das Wichtigste in Kürze
- Viele alte Menschen haben Krieg, Flucht, Gewalt oder andere schwere Erfahrungen gemacht. Die Erlebnisse können viele Jahrzehnte nachklingen.
- Wenn Dein Familienmitglied ängstlich, abwehrend oder misstrauisch reagiert, kann eine alte, häufig seelische Verletzung dahinterstecken.
- Besonders Situationen mit Körperkontakt wie Waschen oder Umkleiden können Ängste auslösen, da sie manchmal ein Gefühl von Kontrollverlust erzeugen.
- Traumasensible Pflege heißt: Du kündigst Deine Handlungen an, schaffst Sicherheit und drängst nicht auf Antworten.
- Du musst die Vergangenheit nicht immer detailliert erfragen oder verstehen. Oft reicht es, aufmerksam zu beobachten und das vertrauensvolle Verhältnis weiter auszubauen.
Was bedeutet traumasensibel?
Traumasensible Pflege heißt, dass Du die Lebensgeschichte Deines zu versorgenden Angehörigen in die Pflege einbeziehst, auch das, was nie ausgesprochen wurde. Das ist ohnehin wichtig - bei einem Trauma aber noch mehr. Viele Menschen der heute hochbetagten Generation haben in ihrer Kindheit oder frühen Jugend Krieg, Flucht, Gewalt oder schwere Verluste erlebt.
Einige haben jahrzehntelang geschwiegen, weil Schweigen damals die einzige Überlebensstrategie war. Manchmal war auch schlicht niemand da, mit dem sie über das Gefühl von Entwurzelung und die schrecklichen Bilder im Kopf sprechen konnten.
Zwar kann Sturheit oder eine Demenz eine einfache Erklärung für das Verhalten Deines Familienmitglieds sein, vielleicht steckt aber mehr dahinter. Panische Ausrufe, ängstliche Blicke, Abwehr oder Misstrauen können ebenso auf alte Verletzungen hindeuten. Sie zeigen sich oft in Momenten, in denen sich Angehörige ausgeliefert fühlen. Das kann bei der Körperpflege oder einem lauten Ereignis wie einer knallenden Tür oder an Silvester geschehen. Traumasensibel zu pflegen bedeutet, mit offenen Augen hinzuschauen und Sicherheit zu geben, wo früher womöglich keine war.
Wenn plötzlich etwas aufbricht
Viele Menschen schaffen es jahrzehntelang, ein belastendes Erlebnis zu verdrängen und ihren Alltag zu bewältigen. Dann wird das Alter selbst zur Belastung: Wenn der Körper schwächer wird, die Sinne nachlassen oder Krankheit und Schmerzen zunehmen, kann sich Dein Familienmitglied plötzlich wieder ausgeliefert fühlen – so ähnlich wie damals in der traumatisierenden Situation. Auch der Abschied von nahestehenden Menschen kann solche Gefühle wachrufen.
Hinzu kommen ganz bestimmte Auslöser, sogenannte Trigger. Sie erinnern unbewusst an das ursprüngliche Ereignis, selbst dann, wenn die aktuelle Situation objektiv harmlos ist. Mögliche Trigger können zum Beispiel folgende Geschehnisse sein:
- Sinneseindrücke wie ein Geruch, ein Geräusch oder eine Berührung
- ein Sturz oder ein medizinischer Eingriff
- Berichte in den Medien, etwa über Krieg oder Gewalt
- bestimmte Jahreszeiten oder Wetterlagen, die an früher erinnern
Für Außenstehende wie Dich ist die Reaktion Deines Familienmitglieds vielleicht schwer nachvollziehbar oder wirkt übertrieben. Betroffene befinden sich aber in einer Ausnahmesituation, die sehr stressig für sie ist.
Gut zu wissen: Ältere Menschen in Deutschland haben überdurchschnittlich oft Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Vermutlich ist das eine Spätfolge des Zweiten Weltkriegs.
So gelingen behutsame Gespräche
Ein Gespräch über die Vergangenheit kann sich ganz nebenbei ergeben, etwa beim Betrachten alter Fotos, beim Hören eines vertrauten Liedes oder durch einen bekannten Gegenstand. Der sanfte Einstieg sorgt dafür, dass Dein Familienmitglied nicht direkt mit persönlichen Fragen konfrontiert wird. Wenn Ihr über früher sprecht, wähle einen ruhigen Moment ohne Zeitdruck. Höre aufmerksam zu und lass Dein Gegenüber selbst bestimmen, wie viel er oder sie erzählen möchte.
Unser Tipp: Offene Fragen wie „Wie hast Du das damals empfunden?“ geben Raum für eigene Erinnerungen. Ein „Du musst darüber nicht sprechen“ kann genauso wichtig sein wie eine interessierte Nachfrage.
Bewerte oder korrigiere Erinnerungen nicht vorschnell. Nimm die Gefühle immer ernst. Achte dabei auch auf nonverbale Signale. Wirkt Dein Familienmitglied plötzlich angespannt, ängstlich oder zieht es sich zurück, solltest Du das Gespräch nicht weiter vorantreiben. Bei traumatischen Erfahrungen kann es sinnvoll sein, die Aufarbeitung Fachleuten zu überlassen. Psychotherapie-Praxen sind zum Beispiel gute Ansprechpartner.
Konkrete Beispiele
Manchmal hilft es, typische Situationen aus dem Pflegealltag einmal zu durchdenken – vom ersten Anzeichen bis zu einer möglichen Lösung. Die folgenden Beispiele zeigen, wie das aussehen kann.
Beobachtung: Deine Mutter lehnt Hilfe von männlichem Pflegepersonal ab.
- Mutmaßliches Problem: Ihre Ablehnung kann darauf hindeuten, dass sie in einer schwächeren Position, etwa als Kind oder Jugendliche, Erfahrungen mit übergriffigem Verhalten gemacht hat.
- Mögliche Lösung: Frage beim Pflegedienst nach, ob ausschließlich Frauen kommen können. Bleibe anfangs selbst dabei, bis sich ein Sicherheitsgefühl aufgebaut hat.
Beobachtung: Dein Vater wird unruhig, sobald Pflegekräfte in Dienstkleidung bei ihm sind.
- Mutmaßliches Problem: Die Dienstkleidung erinnert ihn an Uniformen und diese können ein Trigger sein, der ihn an frühere Erfahrungen mit Autoritätspersonen erinnert, etwa aus Kriegs- oder Fluchtzeiten.
- Mögliche Lösung: Sprich mit dem Pflegedienst, ob Zivilkleidung möglich ist. Kündige neue Pflegekräfte vorher an, damit die Situation nicht überraschend kommt.
Tipps für traumasensible Pflege
Am besten nimmst Du Dir Zeit, um genau hinzuschauen: In welchen Situationen reagiert Dein Familienmitglied besonders angespannt? Das muss gar nicht die Pflegehandlung selbst sein. Vielleicht ist es der Traktor, der jeden Morgen an Eurem Fenster vorbeirauscht. Er kann Angehörige an die übereilte Flucht aus dem Kriegsgebiet erinnern. Vielleicht sind es Böller und Raketen an Silvester, die an Schüsse erinnern und Panik hochkommen lassen.
Finde dann individuelle Lösungen: Spiele morgens zur „Traktorzeit“ beispielsweise Musik ab. Das geht auch automatisch per App. Versucht an Silvester vielleicht, dem Trubel in der Wohnumgebung zu entkommen.
Unser Tipp: Gerät Dein Familienmitglied trotzdem in eine akute Angst- oder Panikreaktion, strahle Ruhe aus. Verzichte auf gut gemeinte, aber oberflächliche Floskeln wie „Das ist doch nicht so schlimm“. Sie können die Situation eher verschlimmern. Wichtiger ist, Geborgenheit zu vermitteln, durch einen ruhigen Tonfall, Blickkontakt und falls gewünscht: eine Hand zum Festhalten.
Besonders hilfreich ist zudem, Pflegetätigkeiten anzusprechen und abzustimmen. Das gilt besonders bei der Körperpflege. Wenn Angehörige zum Beispiel Gewalterfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht haben, kann eine gleichgeschlechtliche Versorgung durch den Pflegedienst mehr Sicherheit geben. Und so kann für viele Situationen eine Lösung gefunden werden, die Deinem Angehörigen hilft.

