Medikamente im Alter
Da sich der Stoffwechsel im Alter verändert, sind manche Medikamente für Senioren tendenziell ungeeignet. Viele Präparate entfalten eine deutlich stärkere Wirkung. In der Priscus-Liste sind mehr als 200 solcher „potenziell inadäquater Medikamente“ verzeichnet, kurz PIM. Wenn ein Medikament in der Priscus-Liste steht, bedeutet es aber nicht automatisch, dass es für Deinen pflegebedürftigen Angehörigen ungeeignet ist. Beim Verdacht, dass es nicht optimal wirkt, kann Dein Angehöriger in der Hausarztpraxis nachfragen.
Das Wichtigste in Kürze
- Senioren sind besonders häufig von einer Polymedikation betroffen, sie nehmen also viele Medikamente ein. Das erhöht das Risiko für Wechselwirkungen.
- Zudem verändert sich der Stoffwechsel älterer Menschen und reagiert anders auf Medikamente.
- Die Priscus-Liste verzeichnet mehr als 200 Wirkstoffe beziehungsweise Wirkstoffklassen, die für Menschen über 65 Jahren tendenziell ungeeignet sind.
- Die Priscus-Liste gibt eine grobe Orientierung. Im Einzelfall kann ein Präparat dennoch sinnvoll sein.
- Die individuelle Entscheidung für oder gegen ein konkretes Medikament sollte Dein Angehöriger niemals eigenmächtig treffen, sondern immer mit ärztlicher Absprache.
Mehr Medikamente im Alter
Mit zunehmendem Alter liegen häufig mehrere Erkrankungen gleichzeitig vor. Demzufolge werden mehr Medikamente verschrieben. In Deutschland gehen mehr als die Hälfte aller ärztlich verordneten Präparate an Patienten ab 65 Jahren. Zum Vergleich: Ihr Anteil an der Bevölkerung liegt bei weniger als einem Viertel.
Am häufigsten eingenommen werden Medikamente
- gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
- bei Diabetes,
- bei ungünstigen Cholesterinwerten,
- gegen Schmerzen.
Veränderter Stoffwechsel
Diese Polymedikation, also die dauerhafte Einnahme mehrere Medikamente, kann mit steigendem Alter zum Problem werden. Denn mit den Jahren verändert sich der Körper und damit auch der Stoffwechsel. Zum Beispiel ändert sich das Verhältnis von Fettgewebe zu Wasser, ebenso die Empfindlichkeit des Nervensystems und die Fähigkeit des Körpers, Blutdruckschwankungen auszugleichen. Leber und Nieren, die zentral an Abbau und Ausscheidung von Medikamenten beteiligt sind, arbeiten im Alter langsamer, weshalb Wirkstoffe länger im Stoffwechsel verbleiben. Aus diesen Gründen werden viele Medikamente mit zunehmendem Alter anders verarbeitet.
Die Folge: Die Präparate wirken häufig stärker und das Potenzial für schwere Nebenwirkungen nimmt deutlich zu. Bei manchen Wirkstoffen ist das grundsätzlich so gravierend, dass sie ab 65 nicht mehr uneingeschränkt empfohlen werden können. Besonders problematisch wird es dann, wenn bestimmte Medikamente bereits bestehende Beschwerden verstärken. Zum Beispiel könnten manche Wirkstoffe die Neigung zu Stürzen weiter erhöhen, wenn sie etwa Schwindel auslösen können.
„PIM“
Für ältere Menschen tendenziell problematische Medikamente werden auch als „potenziell inadäquate Medikamente“ bezeichnet, kurz PIM. Im Jahr 1991 wurde die erste PIM-Liste in den USA erstellt. Inzwischen haben zahlreiche weitere Länder ebenfalls Listen erarbeitet. In Deutschland geschah das in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt namens Priscus, weshalb die deutsche PIM-Liste den Namen „Priscus-Liste“ erhalten hat. Als Basis der Bewertung dienten neben Fachliteratur zur Thematik internationale PIM-Listen.
Die erste Version wurde 2010 veröffentlicht und 2015 nochmals durch EU-Daten ergänzt. Es zeigte sich bereits damals, dass die Einnahme potenziell inadäquater Medikamente in der Tat mit häufigeren Komplikationen einhergeht. Die aktuelle Priscus-2.0-Liste ist das Ergebnis einer Erweiterung von 2022 und mit 221 statt 98 Wirkstoffen nochmals deutlich umfangreicher. Manche Wirkstoffe konnten gestrichen werden, da sie zum Beispiel inzwischen vom Markt genommen wurden. Dafür kamen einige Wirkstoffe beziehungsweise Wirkstoffgruppen hinzu.
Gut zu wissen: An klinischen Studien zu neuen Wirkstoffen nehmen betagte und hochbetagte sowie Menschen mit gleich mehreren typischen Alterserkrankungen nur selten teil. Daher ist die Datenlage für diese Patientengruppe bei Markteinführung eines Medikaments häufig dünn.
Warum die Priscus-Liste?
Die Priscus-Liste gibt also eine Übersicht über diejenigen Wirkstoffe und Wirkstoffklassen, die älteren Menschen aus den genannten Gründen besser nicht mehr verordnet werden sollten. In erster Linie dient sie Ärzten als Werkzeug, kann aber auch Euch beim Überblick über die verordneten Medikamente helfen.
Bei der Priscus-Liste im Original handelt es sich um eine umfangreiche, für Laien nur schwer zu erfassende Tabellensammlung. Die vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (früher Bundesministerium für Bildung und Forschung) herausgegebene Broschüre „Medikamente im Alter“ präsentiert die Informationen auf verständliche und übersichtliche Weise. Ihr könnt sie kostenlos als pdf herunterladen.
Was tun?
Auf Grundlage von Version 2.0 nimmt im Schnitt schätzungsweise beinahe jeder zweite ältere Mensch ein Medikament ein, das auf der Liste verzeichnet ist. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass jede dieser Verordnungen auch inadäquat ist. Die Priscus-Liste gibt lediglich eine grobe Orientierung. Nur weil ein Wirkstoff dort aufgelistet ist, heißt das nicht zwingend, dass er immer bedenklich für ältere Patienten ist.
Viele Faktoren spielen eine Rolle dabei, ob das wirklich der Fall ist, darunter vor allem
- die Indikation, also der Grund der Verordnung,
- die Dosis und
- insbesondere die Dauer der Gabe.
Ihr solltet also auf keinen Fall ein Medikament eigenmächtig absetzen, nur weil Ihr es auf der Priscus-Liste gefunden habt. Es kann aber sinnvoll sein, die Medikation mit Hinweis auf die Liste einmal in der Haus- oder Facharztpraxis zu besprechen.
Unsere Tipps
Wer viele Medikamente einnimmt, erhöht sein Risiko für Neben- und Wechselwirkungen. Das kann im Alter sogar dazu führen, dass eine Behandlung im Krankenhaus nötig wird. Je nach Erhebung ist davon auszugehen, dass zwischen 3 und 7 Prozent der Krankenhausaufenthalte von Senioren auf Wechselwirkungen zwischen Medikamenten zurückzuführen sind. Bei Menschen über 80 steigt der Anteil sogar auf 10 bis 30 Prozent. Mutmaßlich sind davon nicht wenige auf potenziell inadäquate Medikamente zurückzuführen.
Wenn Deinem zu pflegenden Angehörigen also ein neues Präparat oder das eines anderen Herstellers verschrieben wurde, solltest Du in den Tagen und Wochen danach besonders auf mögliche Nebenwirkungen achten. Dazu gehören etwa Schwindel, Verwirrung, Verdauungsprobleme, Mundtrockenheit, Inkontinenz und Schlafstörungen. Lasst Ungewöhnliches auf jeden Fall ärztlich abklären.
Räumt außerdem einmal im Jahr den Medikamentenplan auf. Besprecht dazu mit dem Hausarzt oder in der Apotheke, ob die Medikation nach wie vor stimmig ist, und passt diese gegebenenfalls in ärztlicher Absprache an.

