Sucht im Pflegealltag
Viele pflegebedürftige ältere Menschen leben seit Jahren mit einer Abhängigkeit von Alkohol, Nikotin oder Medikamenten. Mitunter ist schwer zu sagen, wann ein Genussmittel zur Sucht wird – vielleicht auch bei Deinem Angehörigen? Für Pflegende kann ein schwieriger Alltag entstehen, mit einer Gratwanderung zwischen ärztlichen Empfehlungen, Fürsorge und dem Recht auf Selbstbestimmung.
Das Wichtigste in Kürze
- Sucht im Alter ist weit verbreitet und oft über Jahre gewachsen.
- Als pflegender Angehöriger stehst Du zwischen gesundheitlicher Verantwortung und dem Selbstbestimmungsrecht der betroffenen Person.
- Suchtmittel weiter zu besorgen, kann entlasten, aber auch die Abhängigkeit fördern.
- Ein abrupter Entzug birgt gesundheitliche Risiken und sollte immer ärztlich begleitet werden.
- Es hilft, gemeinsam mit Ärzten oder Beratungsstellen einen tragbaren Weg zu finden.
- Dein Wohlbefinden als Angehöriger in der Situation spielt ebenfalls eine Rolle.
Sucht als Teil des Pflegealltags
Wenn Dein zu versorgender Angehöriger von einer Sucht betroffen ist, ist das in den meisten Fällen eigentlich kein neues Thema. Doch ein echter Suchtcharakter wird oft erst erkannt, wenn eine Pflegesituation mit nahen Angehörigen entsteht. Plötzlich kristallisiert sich zum Beispiel eine Medikamentenabhängigkeit heraus. Und vor allem für die ältere Generation gehören das Bierchen am Abend und die Schachtel Zigaretten pro Tag häufig ganz selbstverständlich dazu. Und plötzlich stellt sich für Dich die Frage: Unterstütze ich diese Gewohnheiten weiter oder nicht?
Gut zu wissen: Laut Zahlen der Barmer rauchen mehr als 2 Millionen ältere Menschen, bis zu 400.000 haben ein Alkoholproblem. Bei 1 bis 2 Millionen hat der Gebrauch psychoaktiver Medikamente einen Gewohnheitscharakter. Das zeigt: Viele Familien sind vom Thema Sucht betroffen.
Mehrere Abhängigkeiten
Eine Abhängigkeit hat verschiedene Ebenen: die körperliche und die psychische. Beide Abhängigkeiten treten häufig gemeinsam auf, insbesondere bei Alkohol, Nikotin und Medikamenten.
Körperliche Abhängigkeit
Bei der körperlichen Abhängigkeit hat sich der Organismus an eine Substanz gewöhnt. Wird sie plötzlich weggelassen, treten in der Regel körperliche Entzugserscheinungen auf. Dazu können gehören:
- Kopf- und Gliederschmerzen
- Schwäche
- Schlafstörungen
- Zittern
- Schweißausbrüche
- Appetitlosigkeit oder Heißhunger
- Übelkeit bis zum Brechreiz
- Durchfall
- Blutdruckanstieg
- Herzrasen
Gut zu wissen: Ein plötzlicher Entzug, etwa von Alkohol oder bestimmten Medikamenten, kann ernsthafte gesundheitliche Folgen haben – von Kreislaufproblemen bis hin zu Krampfanfällen. Ein schwerer Alkoholentzug kann sogar lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Solltet Ihr einen Entzug planen, sollte dieser immer ärztlich begleitet werden.
Psychische Abhängigkeit
Bei der psychischen Abhängigkeit stehen das starke Verlangen nach dem Suchtmittel, der Wunsch nach Entlastung, Beruhigung oder Gewohnheit im Vordergrund. Typische Symptome sind unter anderem:
- Nervosität
- Stimmungsschwankungen
- erhöhte Reizbarkeit
- Angst bis hin zu Panikattacken
- depressive Verstimmungen
- Schlafstörungen
- Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
Die psychischen Entzugserscheinungen dauern für gewöhnlich deutlich länger an als die körperlichen. Sie können sich über Monate oder sogar Jahre hinziehen.
Konflikt für Angehörige
Viele Ärzte raten dazu, den Konsum von Suchtmitteln wie Alkohol und Nikotin zu reduzieren oder ganz zu beenden, vor allem, wenn bereits Krankheiten vorliegen. Gleichzeitig erlebst Du vielleicht, dass das für Deinen Angehörigen kaum umsetzbar ist, auch nicht mit Deiner Unterstützung. Und das bringt Dich in einen Konflikt:
Auf der einen Seite möchtest Du zum Beispiel Deine Mutter oder Deinen Vater vor den Folgen der Abhängigkeit bewahren, seien es Stürze, Wechselwirkungen mit Medikamenten oder eine Verschlechterung bestehender Erkrankungen. Auf der anderen Seite steht dort ein Mensch, der sich oft an genau diesen Konsum über viele Jahre gewöhnt hat und schwer davon lassen kann oder es gar nicht will. Er nimmt die Abhängigkeit vielleicht auch gar nicht als solche wahr, sondern sieht sie vielmehr als eine der wenigen Genussmomente, die im Leben noch geblieben sind.
Soll ich die Sucht unterstützen?
Vor der Frage, ob Du eine Sucht unterstützen solltest, stehst Du in einer solchen Situation wahrscheinlich häufig, zum Beispiel beim Einkaufen. Die Flasche Wein mitnehmen oder nicht? Die Zigaretten holen oder nicht? Darauf gibt es keine pauschale Antwort. Aber vielleicht helfen Dir einige Überlegungen: Gerade bei älteren, pflegebedürftigen Menschen spielt Selbstbestimmung eine große Rolle. Solange keine akute Gefährdung vorliegt, haben sie grundsätzlich das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen. Das gilt auch dann, wenn sie aus gesundheitlicher Sicht nicht ideal sind.
Oft steckt hinter der Sucht ein tieferliegendes Problem, zum Beispiel Einsamkeit, Schmerzen oder Ängste. Diese müssen bei einem Entzug der jeweiligen Substanz mitberücksichtigt und als Grund der Sucht anderweitig behandelt werden. Oftmals helfen Gespräche mit anderen Familienmitgliedern, mit der langjährig vertrauten Hausärztin oder mit einem zugewandten Pflegeberater, um zu entscheiden, wie Ihr gemeinsam mit dem Problem umgeht. Letztlich muss Dein Angehöriger aber vor allem bereit dazu sein, etwas zu ändern.
Gut zu wissen: Im medizinischen Kontext verwendet man heute nicht mehr den Begriff „Sucht“, sondern spricht von einer „Substanzgebrauchsstörung“. Sie gilt als psychiatrisches Krankheitsbild.
Kompromisse als Lösung
Eine gute Lösung muss nicht zwingend „alles oder nichts“ bedeuten. Manche Pflegenden entscheiden sich, den Konsum nicht aktiv zu fördern, aber auch nicht vollständig zu unterbinden. Das kann bedeuten, selbst zwar keinen Alkohol oder keine Zigaretten zu kaufen, den Konsum aber auch nicht zu verhindern, wenn der Angehörige auf anderen Wegen daran kommt.
Eine weitere Möglichkeit ist es, die Menge schrittweise zu reduzieren oder einzugrenzen. Das geht zum Beispiel, indem man das Glas Prosecco oder das Bier am Abend zwar aktiv zuteilt, maßlosen Konsum jedoch nicht ermöglicht. Manchmal können schon kleine Veränderungen den Alltag sicherer machen, etwa indem Alkohol und Medikamente gezielt zeitversetzt gegeben werden oder Dein Angehöriger Nikotinpflaster statt Zigaretten bekommt.
Dein Wohlbefinden nicht vergessen
Du bist nicht verpflichtet, gegen Deine Überzeugungen zu handeln. Auch wenn Du im Alltag unterstützt, musst Du einen in Deinen Augen bedenklichen Konsum von Genuss- beziehungsweise Suchtmitteln nicht weiter unterstützen. Das Recht auf Selbstbestimmung ist zwar ein zentraler Punkt, aber es geht im Pflegealltag nicht einzig und allein um den Menschen mit Pflegebedarf.
Dein Wohlbefinden als Angehöriger spielt ebenfalls eine Rolle. Daher sollte der Umgang mit Suchtmitteln so gestaltet werden, dass er auch für Dich tragbar ist und Deine persönlichen Grenzen nicht überschreitet.
Beratung nutzen
Wenn Du Dir unsicher bist, wie Du weiter vorgehen sollst, nimm eine Beratung in Anspruch. Es gibt fachlich qualifizierte Angebote für Menschen, die in ihrem engeren Umfeld mit Sucht konfrontiert sind. Schwerpunkte sind zum Beispiel Alkohol-, Drogen- und Medikamentenabhängigkeit sowie Glücksspielsucht. Nach einer passenden Beratung kannst Du im Beratungsstellenfinder der Sozialplattform suchen. Dort findest Du auch Informationen dazu, wie eine Beratung für Angehörige abläuft und wie sie Dir konkret im Alltag weiterhelfen kann.

