Gut vorbereitet in die Begutachtung
Damit die Pflegeversicherung etwas bezahlt, braucht man einen Pflegegrad. Um den aber überhaupt erhalten zu können, ist erstmal eine sogenannte Begutachtung notwendig. Der Pflegegrad wird nach dem Hausbesuch einer Fachkraft festgelegt, die verschiedene Dinge fragt und prüft. Verständlicherweise sind viele Familien vor diesem Termin angespannt. Doch gute Vorbereitung hilft Euch, der Begutachtung gelassener entgegenzusehen.
Das Wichtigste in Kürze
- Wer einen Antrag auf Pflegeleistungen gestellt hat, bekommt von der Versicherung einen Vorschlag für einen Begutachtungstermin geschickt.
- Der Ablauf der Begutachtung muss engen, gesetzlichen Bestimmungen folgen.
- Ihr solltet zum Termin alle notwendigen Unterlagen griffbereit haben.
- Stellt Euch darauf ein, dass manche Fragen des Gutachters etwas unangenehm sein könnten, weil sie in die Privatspäre eindringen.
- Ihr solltet nichts übertrieben dramatisch schildern, aber auch nichts herunterspielen oder beschönigen.
Der Begutachtungstermin
Du hast selbst oder mit einem Angehörigen einen Antrag auf Pflegeleistungen gestellt? Dann steht bald ein Begutachtungstermin an. Dieser Termin ist gesetzlich vorgeschrieben, damit alle Versicherten in Deutschland unter gleichen Bedingungen die Chance auf Leistungen von der Pflegeversicherung haben. Denn nach der Begutachtung legt die Versicherung einen Pflegegrad fest. Und je nach Einstufung haben die Antragstellenden dann Anspruch auf eine bestimmte Höhe an Leistungen.
Gut zu wissen: Die Begutachtung ist unter bestimmten Voraussetzungen auch als Video-Termin möglich. Falls Ihr das möchtet, könnt Ihr danach fragen.
Wer kommt zur Begutachtung?
Die Begutachtung und ihr Ablauf sind nach engen, gesetzlichen Bestimmungen geregelt. Begutachten dürfen ausschließlich Fachkräfte mit einer pflegerischen oder medizinischen Ausbildung und einer passenden Zusatzqualifikation. Zu gesetzlich Versicherten kommt jemand vom Medizinischen Dienst (MD, früher MDK). Zu privat Versicherten kommt jemand von der Firma Medicproof. Beide Dienste sind extra dafür da, solche Begutachtungen durchzuführen, und sind an die gleichen gesetzlichen Regeln gebunden.
Gut zu wissen: Die Begutachtung muss immer neutral und unabhängig sein.
Vorbereitung
Viele Familien möchten sich gerne auf den Begutachtungstermin vorbereiten. Das ist oft auch sinnvoll, und zwar in zweierlei Hinsicht:
- Du kannst Unterlagen bereitlegen, die nachweisen, dass bestimmte Probleme vorliegen.
- Ihr könnt Euch gemeinsam darauf einstellen, dass auch Fragen gestellt werden, die vielen Menschen unangenehm sind.
Nötige Unterlagen
Schriftliche Unterlagen helfen als Belege und ersparen Euch so manche Erklärung von Details. Legt daher rechtzeitig alles bereit, was bei der Begutachtung helfen könnte. Dazu gehören, sofern vorhanden, insbesondere:
- aktuelle Arztberichte
- aktuelle Entlassbriefe von Krankenhäusern oder Reha-Einrichtungen
- Medikamentenplan
- Liste der genutzten Hilfsmittel, wie Brille, Hörgerät, Gehstock, etc.
- Schwerbehinderten-Ausweis
- Pflegedokumentation, als private Auflistung oder vom Pflegedienst, falls bereits einer kommt
Eine private Pflegedokumentation beziehungsweise ein Pflegetagebuch muss keine besonderen Anforderungen erfüllen. Hilfreich ist es zum Beispiel, wenn Du stichpunktartig für einen typischen Tag oder eine typische Woche notierst, welche Hilfe Du bereits leistest. Schreibe auch scheinbare Kleinigkeiten auf, wie etwa Hilfe beim Einkaufen. Vielleicht bist Du selbst erstaunt, welche Kleinigkeiten sich mittlerweile läppern. Die Beschreibungen helfen sowohl Euch als Familie als auch der Fachkraft, einen guten Überblick über die aktuell nötige Unterstützung zu erhalten.
Gut zu wissen: Du kannst das Pflegetagebuch auch direkt hier in der App führen.
Unangenehme Fragen
Nur die wenigsten Menschen sprechen gerne darüber, aber es ist durchaus entscheidend, ob jemand sich gut allein ausziehen, selbstständig duschen und abtrocknen, auf die Toilette setzen, beide möglichen Geschäfte verrichten, sich anschließend säubern und wieder anziehen kann. Auch dass gelegentlich etwas in die Hose geht, ist mit zunehmendem Alter keine Seltenheit und sollte auf keinen Fall aus Scham verschwiegen werden. Bereitet Euch gemeinsam darauf vor, dass solche Fragen kommen werden und gebt darauf möglichst ehrliche Antworten.
Folgende Überlegungen können dabei helfen:
- Die Fachkraft macht das jeden Tag. Sie hat vermutlich alles schon gehört und deshalb braucht sich niemand für ehrliche Antworten zu schämen.
- Die Fachkraft soll sich ein realistisches Bild vom Alltag machen. Sie soll Punkte vergeben und mögliche Hilfen vorschlagen. Das kann sie nur dann optimal erfüllen, wenn Ihr als Befragte auch ehrlich antwortet.
- Schweigen ist kein Gold, sondern kann ziemlich schnell sehr weh tun, zum Beispiel wenn man sich nicht mehr gut allein den Po säubern kann. Deshalb redet miteinander und versucht, gemeinsam mit der Fachkraft für alle Probleme eine Lösung zu finden. Oft gibt es mehr hilfreiche Möglichkeiten, als man zu fragen gewagt hätte. Und der Alltag ist dann so viel angenehmer, dass es die Überwindung wert ist, über das Unangenehme gesprochen zu haben.
Unser Tipp: Wenn Ihr ihn noch nicht kennt, nutzt doch den Pflegegradrechner der Johanniter. Dort könnt Ihr alle Fragen einsehen, die bei der Begutachtung gestellt werden.
Nicht übertreiben…
Wenn die Fachkraft sich zur Begutachtung ankündigt, haben viele Antragstellende das Bedürfnis, alles so richtig schön ordentlich aufzuräumen und sich für den Termin auch selbst schick zu machen. Unser Rat ist: Lasst das besser.
Natürlich darf das Wohnzimmer einigermaßen aufgeräumt und gestaubsaugt sein. Und natürlich sollen sich alle in ihrer Kleidung wohl fühlen. Aber die Kleidung sollte vor allem bequem sein und die Arbeit sollte sich auf ein vernünftiges Maß beschränken. Denn zum einen soll die Fachkraft sich ja ein realistisches(!) Bild der Lage machen und zum anderen besteht sonst die Gefahr, dass die pflegebedürftige Person vor lauter Anstrengung just zum Begutachtungstermin krank wird.
Ihr solltet außerdem nicht für die Begutachtung üben. Denn auch hier gilt: Es geht nicht darum, besonders tapfer zu sein und ganz viel am Termin zu schaffen, sondern die Fachkraft soll einen Einblick in den Alltag bekommen, um Punkte für nötige Unterstützungsleistungen zu vergeben. Daher bereitet Euch gerne seelisch gut auf den Termin vor. Aber übertreibt es nicht.
Beratung nutzen
Ihr könnt Euch als Familie oder Du kannst Dich als Einzelperson individuell beraten lassen. Das ist kostenfrei möglich, unter anderem bei den Johannitern. Weitere Details kannst Du im Artikel „Allgemeine Beratungsangebote“ lesen.
Wenn Du wissen möchtest, was genau beim Begutachtungstermin auf Euch zukommt, lies gerne unseren Artikel "Was bei der Begutachtung passiert".

