Selbstfürsorge: Warnzeichen für Überlastung
Viele Pflegende haben für sich selbst wenig Zeit. Belastungsgrenzen sind mitunter schneller erreicht als gedacht. Doch insbesondere im stressigen Pflegealltag ist es wichtig, Dich selbst nicht aus den Augen zu verlieren. Darum ist es gut, Anzeichen von Überlastung zu kennen und frühzeitig gegenzusteuern.
Das Wichtigste in Kürze
- Selbstfürsorge, also dass es Dir selbst gut geht, ist die Voraussetzung dafür, sich um andere kümmern zu können.
- Achte auf Warnzeichen einer drohenden Überlastung.
- Lerne, Nein zu sagen und Dinge zu delegieren.
- Eine gute Organisation ist das A und O.
Zeit zum Umdenken
Es ist nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar absolut verständlich, dass viele Pflegende ihr eigenes Wohl hinter das der zu pflegenden Person stellen. Und mancher Pflegebedürftige tut sich vielleicht auch schwer damit, Fremde im eigenen Heim zu haben oder gar deren Hilfe anzunehmen. Das bedeutet im Umkehrschluss, alles bleibt unweigerlich an den engen Vertrauten hängen.
Vernünftig ist das aber nicht, jedenfalls nicht auf Dauer. Selbst wenn es eine Weile gut gehen mag, holt es Dich früher oder später ein, wenn Deine Akkus zunehmend erschöpft sind, weil Du kaum noch Zeit für Dich selbst hast. Auf Dich zu achten und Deine körperliche und emotionale Gesundheit zu schützen, sollte daher immer auch Priorität haben, selbst wenn es mitunter schwerfällt. Denn nur wenn Du selbst gesund und im Gleichgewicht bist, kannst Du Deine Angehörigen versorgen.
Warnzeichen
Wenn Idealismus auf die Realität prallt und Du wiederholt merkst, dass Wollen und Können zwei unterschiedliche Dinge sind, dann ist es auf Dauer schwer, Resilienz und Gelassenheit aufrechtzuerhalten. Es gibt eine Reihe unterschiedlichster Warnsignale für eine drohende Überlastung. Die solltest Du nicht ignorieren, sondern unbedingt beachten und gegebenenfalls darauf reagieren. Dazu gehören:
- Verspannungen
- Kopf-, Rücken-, Nacken-, Schulterschmerzen
- Zähneknirschen, Tinnitus
- erhöhte Infektanfälligkeit
- Schlafstörungen
- Appetitlosigkeit, Heißhungerattacken, Verdauungsprobleme
- Blutdruckschwankungen, Herz-Rhythmus-Störungen
- Kraftlosigkeit, Müdigkeit
- Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisprobleme
- Stimmungsschwankungen, Nervosität, Dünnhäutigkeit
- Frustration, Gereiztheit, Wut, Aggression
- Grübeleien, Sorgen
- Unfähigkeit, abzuschalten und und Erholung zu finden
- Abstumpfung, Zynismus
- Unzufriedenheit, innere Leere, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit
- Depressionen, Sinnverlust, Angstzustände, Panikattacken
Das ist eine lange Liste. Schon wenn wenige davon Dich immer wieder begleiten, solltest Du hellhörig werden. Denn oft kommt es gar nicht schlagartig zu einer Überlastung, sondern schleichend. Zunächst sind es nur Kleinigkeiten, die Dir womöglich gar nicht schwer zu schaffen machen. Dir fällt es vielmehr leicht, sie erst einmal wegzuschieben, zumal der Pflegealltag ja geschafft werden muss. Hinzu kommt, dass die Anzeichen individuell völlig verschieden ausfallen.
Umso wichtiger ist es, dass Du achtsam mit Dir umgehst, Deine Befindlichkeit auch mal aufmerksam hinterfragst und gegebenenfalls so früh wie möglich gegensteuerst. Ansonsten zieht der Körper früher oder später die Reißleine. Und das bedeutet in den meisten Fällen, dass immer weniger und irgendwann wirklich nichts mehr geht.
Nein sagen lernen
Ganz zentral und gleichzeitig für viele unglaublich schwierig: Lerne, Nein zu sagen!
Vielleicht hilft es, wenn Du Dir zunächst bewusst machst, warum Dir ein Nein so schwer fällt. Willst Du nicht enttäuschen oder hast Du Angst vor Ablehnung? Möchtest Du die gute Stimmung nicht verderben? Wünschst Du Dir Anerkennung, Dankbarkeit oder Liebe? Überlege, was Deine Beweggründe sind und ob Du Deine Ziele nicht auf anderen Wegen erreichen kannst, die Dir weniger Kraft abverlangen.
Mache Dir klar: Du musst nicht alles allein stemmen. Du kannst – und solltest – auch Dinge abgeben. Und wenn Du weißt, dass Dir etwas eigentlich zu viel ist, sage freundlich, aber bestimmt nein. Zeige Verständnis für die Bedürfnisse Deines zu pflegenden Angehörigen, aber setze eindeutige Grenzen. Begründe Dein Nein. Suche nach Kompromissen oder Alternativen, wenn es zum Beispiel um einen Termin geht, und schlage sie vor.
Aufgaben abgeben
Es gibt immer Möglichkeiten, das ein oder andere zu delegieren oder zu verschieben. Denke unbedingt darüber nach, Dich unterstützen zu lassen, sei es durch andere Familienmitglieder, einen professionellen Pflegedienst oder mithilfe von Angeboten durch Ehrenamtliche oder einer Tages- oder Nachtpflege. Das A und O ist eine gute Organisation. Schaffe feste Routinen. Ein Wochenplan, am besten in Tabellenform, kann Dir helfen, den Überblick zu behalten. Vergiss nicht, darin auch Zeit für Dich selbst einzuplanen.
Gut zu wissen: Es ist absolut in Ordnung, wenn Du Dich auch mal müde und abgeschlagen fühlst und vielleicht sogar gereizt bist. Bedenke aber: Das sollte die Ausnahme bleiben und nicht zur Regel werden.
Deine Bedürfnisse ernst nehmen
Mache Dir grundsätzlich bewusst: Mitgefühl ist in Ordnung – Mitleid jedoch nicht. Nimm Deine eigenen emotionalen und psychischen Bedürfnisse ernst und bleibe in Verbindung mit Dir selbst und im Idealfall auch mit anderen außerhalb Deines Pflegealltags. Auch Du hast ein Leben und wenn Du das permanent hintenan stellst, tut Dir das auf Dauer nicht gut und kann Dir ernsthafte psychische und körperliche Beschwerden bereiten. Dass es nicht so weit kommt, liegt auch in Deiner Hand.
Ansprechpartner und Orientierung
Was vielen hilft, ist die Erkenntnis, nicht allein zu sein. Es gibt viele Menschen, die ihre Angehörigen pflegen. Sich mit anderen auszutauschen, die in einer vergleichbaren, belastenden Situation sind, tut meist gut. Einerseits ist da Verständnis für ganz banale Alltagsprobleme, die vermutlich nur schwer nachvollziehen kann, wenn man den Pflegealltag nicht kennt. Andererseits könnt Ihr Euch gegenseitig nicht nur emotional unterstützen, sondern auch praktische Tipps für den Alltag geben.
Selbsthilfegruppen sind eine gute Anlaufstelle, um andere pflegende Angehörige kennenzulernen. Die kannst Du auch online finden, sowohl in geschützten Foren als auch in offenen Gruppen in sozialen Netzwerken. Eine extra gegründete App, die pflegende Angehörige miteinander verbindet, ist in.kontakt vom Verein "Wir pflegen". Außerdem gibt es Angebote wie zum Beispiel pflegen-und-leben.de, die kostenlos psychologische Online-Beratung für pflegende Angehörige bieten.
Unser Tipp: Die BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen – stellt einen Ratgeber zur Verfügung, den Du Dir kostenlos herunterladen kannst: „Entlastung für die Seele – Ein Ratgeber für pflegende Angehörige“.
Konkrete Anregungen für mehr Selbstfürsorge im Pflegealltag findest Du auch in unserem Artikel "Achte auch auf Dich!".

