Selbsthilfegruppen: Reden hilft
Als pflegender Angehöriger dreht sich Dein Alltag häufig um Medikamente, Arzttermine und die Frage, ob es Deinem Familienmitglied gerade gut geht. Für die eigenen Sorgen bleibt da oft wenig Platz. Familie und Freunde meinen es gut, können die Situation aber selten wirklich nachvollziehen, wenn sie selbst nicht pflegen. Genau bei dieser Situation setzen Selbsthilfegruppen an. Sie bringen Menschen zusammen, die wissen, wovon Du sprichst, weil sie es selbst erleben.
Das Wichtigste in Kürze
- Selbsthilfegruppen sind für pflegende Angehörige ein Ort, an dem sie sich ohne lange Erklärungen verstanden fühlen.
- In Deutschland gibt es schätzungsweise 70.000 bis 100.000 Selbsthilfegruppen zu fast allen Themen, die Menschen in Sachen Gesundheit und Soziales bewegen.
- Neben klassischen Treffen vor Ort kannst Du auch digitale Formate wie Foren oder Videocalls nutzen. Sie ersetzen den persönlichen Kontakt jedoch nicht immer vollständig.
- Wer sich einer Gruppe öffnet, gewinnt oft mehr als Trost: Praktische Tipps, neue Perspektiven und das Gefühl, mit der eigenen Situation nicht allein zu sein.
Formen von Selbsthilfegruppen
Selbsthilfeangebote sind am besten niedrigschwellig, also sehr leicht zugänglich. So erreichen sie möglichst viele Menschen – auch die, die sich zeitlich oder gedanklich im Pflegealltag festgefahren fühlen. Niedrigschwellig bedeutet etwa: möglichst kein langes Aufnahmeprozedere und keine bürokratischen Hürden. Glücklicherweise ist genau das der Fall bei Selbsthilfegruppen für pflegende Angehörige.
Treffen vor Ort
Der Klassiker ist nach wie vor das persönliche Treffen. Dabei kommt eine feste Gruppe regelmäßig zusammen, oft alle zwei bis vier Wochen. Der Treffpunkt ist meist in Räumen von Selbsthilfekontaktstellen, Gemeindezentren oder Kliniken. Zuletzt erhobene Zahlen belegen: Der größte Anteil der Selbsthilfegruppen in Deutschland trifft sich noch immer ausschließlich persönlich vor Ort. Nur ein kleiner Teil hat auf hybride oder rein digitale Treffen umgestellt.
Vorteile:
- Direkter, persönlicher Kontakt, denn Mimik und Körpersprache sagen oft mehr als Worte
- feste Struktur, die über die Zeit Vertrauen schafft
- keine Ablenkung durch die Umgebung
Nachteile:
- feste Termine und Anfahrt, was für pflegende Angehörige schwer zu organisieren sein kann, wenn erst eine Vertretung für die Pflege gefunden werden muss
- Auswahl passender Gruppen in ländlichen Regionen oft sehr begrenzt
Online-Austausch
Digitale Angebote holen auf: Allein 2025 kamen 56 neue digital arbeitende Selbsthilfegruppen in die Datenbank der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) hinzu. Die digitalen Formate haben viele Gesichter. Von moderierten Foren über Messenger-Gruppen bis hin zu Video-Meetings ist alles dabei.
Unser Partner, der Verein "wir pflegen!", bietet zum Beispiel digitale Selbsthilfe in Form regelmäßiger Online-Treffen. Der Bundesverband ist eine Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation von pflegenden Angehörigen für pflegende Angehörige. Zu den Mitgliedern zählen ehemals und aktiv pflegende Angehörige, Nachbarn und Freunde und viele weitere Personen, die sich persönlich, beruflich oder wissenschaftlich in der Pflege engagieren und pflegenden Angehörigen zu mehr Wertschätzung und Unterstützung verhelfen wollen.
Vorteile:
- Orts- und zeitunabhängig – ideal, wenn die Pflege kaum Spielraum lässt
- niedrigschwelliger Einstieg für alle, die sich noch nicht trauen, offline vor eine Gruppe zu treten
- oft einfach, eine passende Gruppe zu finden, insbesondere wenn es vor Ort keine gibt – auch zu selteneren Pflegekonstellationen, wie etwa junge Pflegebedürftige
Nachteile:
- mögliche technische Hürden
- persönlicher Kontakt fehlt, was auf manche distanzierter wirkt
- Bedenken bei den Themen Datenschutz und Vertraulichkeit
Anonyme Austauschformate
Manche Menschen wünschen sich einen Ort, an dem sie offen sprechen können, ohne dabei ihren echten Namen oder ihr Gesicht zu zeigen. Sie bleiben lieber inkognito. Anonyme Foren und Chats machen genau das möglich. Sie sind besonders dann hilfreich, wenn der erste Schritt in die Selbsthilfe noch schwerfällt.
Der Vorteil: Die Hemmschwelle sinkt, gerade bei Gefühlen, für die man sich schämt, etwa Wut oder Erschöpfung. Ohne Gesicht und Namen entsteht jedoch seltener eine tiefe, tragende Bindung, wie sie in festen Gruppen vor Ort oft über die Zeit heranwächst.
Klarer Nutzen
Viele pflegende Angehörige kümmern sich rührend um ihr Familienmitglied und kommen dabei regelmäßig zu kurz. Ihre Bedürfnisse, Gefühle, Wünsche und Vorstellungen landen dadurch schnell auf dem Abstellgleis. Genau das macht pflegende Angehörige anfällig für Überlastung. Vielleicht kommt Dir das bekannt vor.
Laut der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) hilft soziale Unterstützung pflegenden Angehörigen nachweislich, sich weniger überlastet zu fühlen. Sie zählt daher zu den wichtigsten Schutzfaktoren gegen Überforderung. Eine Selbsthilfegruppe kann genau das bieten: soziale Unterstützung.
Was Dir eine Selbsthilfegruppe konkret gibt:
- Eine große Portion Verständnis: Menschen, die selbst pflegen, verstehen Dich. Du musst Deine Situation nicht rechtfertigen oder ausschmücken, damit sie nachvollziehbar wird.
- Der Fokus liegt auf Dir: Im Alltag dreht sich fast alles um den pflegebedürftigen Menschen. In der Gruppe stehst ausnahmsweise Du im Mittelpunkt, mit Deinen Sorgen, Deiner Erschöpfung, Deinen Fragen.
- Raum für unbequeme Gefühle: Wut, Erschöpfung oder auch Schuldgefühle – solche Gefühle traut man sich im engsten Umfeld oft nicht auszusprechen. In der Gruppe empfinden auch andere so. Das schafft Erleichterung.
- Praktisches Wissen aus erster Hand: Neben emotionaler Entlastung bekommst Du oft auch handfeste Tipps, etwa zu Anträgen, Hilfsmitteln oder dem Umgang mit schwierigen Situationen im Pflegealltag.
- Weniger Isolation: Weil für Freundschaften und Hobbys kaum noch Zeit bleibt, können sich pflegende Angehörige schnell einsam fühlen. Der Kontakt zu Gleichgesinnten beugt dem sozialen Rückzug vor.
Belegter Effekt
Studien zu Selbsthilfe- und Unterstützungsgruppen zeigen: Der Austausch kann pflegenden Angehörigen helfen. Die Ergebnisse belegen unter anderem mehr soziale Unterstützung, ein besseres psychisches Wohlbefinden und eine höhere Lebensqualität. Wie stark der Effekt ist, hängt allerdings von der Art und Gestaltung der Gruppe ab und nicht zuletzt von Deinen individuellen Bedürfnissen.
Selbsthilfe für Pflegebedürftige
Selbsthilfegruppen sind nicht ausschließlich für pflegende Angehörige gedacht. Viele Menschen mit Pflegebedarf fühlen sich ebenfalls belastet und sehnen sich nach Austausch. In ganz Deutschland gibt es mehr als 1.600 Pflege-Selbsthilfegruppen, in denen sich sowohl pflegende Angehörige als auch pflegebedürftige Menschen zusammenschließen – teils in gemeinsamen, teils in getrennten Gruppen.
Auch bei Pflegebedürftigen wirkt der Austausch mit Gleichgesinnten förderlich. Er hilft ihnen unter anderem dabei, Isolation entgegenzuwirken, mit der viele im Zuge ihrer Erkrankung oder Pflegebedürftigkeit zu kämpfen haben. Falls Du also überlegst, ob eine Gruppe auch für Deinen zu versorgenden Angehörigen infrage kommt: Ja, unter Umständen profitiert er ebenso davon wie Du.
Passende Gruppe finden
Der Einstieg in die Selbsthilfe fällt vielen leichter, wenn sie wissen, wo sie überhaupt anfangen sollen. Diese Anlaufstellen helfen Dir dabei:
- Selbsthilfekontaktstelle vor Ort ansprechen: Bundesweit gibt es mehr als 330 solcher Anlaufstellen, die kostenlos und neutral über Selbsthilfegruppen in Deiner Region informieren, auch speziell zum Thema Pflege.
- Pflegekasse fragen: Die Pflegeversicherung fördert Selbsthilfegruppen finanziell und kann Dir dadurch häufig auch bei der Suche nach einer passenden Gruppe weiterhelfen.
- NAKOS-Datenbanken durchsuchen: Die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) bietet Online-Verzeichnisse, in denen Du gezielt nach Thema und Ort suchen kannst.
- Beim Verein „wir pflegen" melden: Der Verein ist die bundesweite Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation speziell für pflegende Angehörige, mit Landesvereinen in mehreren Bundesländern und regelmäßigen digitalen Treffen, unabhängig davon, wo Du wohnst.
- Bei speziellen Krankheitsbildern gezielt suchen: Zu vielen Erkrankungen, etwa Demenz oder Parkinson, gibt es eigene bundesweite Selbsthilfeorganisationen, die auf das jeweilige Thema spezialisiert sind.
Unser Tipp: Trau Dich ruhig, mehrere Gruppen auszuprobieren. Nicht jede Gruppe passt auf Anhieb. Ein Vorgespräch mit der Kontaktstelle kann Dir dabei helfen, Deine Erwartungen im Vorfeld abzuklären.
Eventuell bist Du skeptisch. Du glaubst vielleicht, das bisschen Reden kann doch nicht wirklich etwas verändern. Aber nur Mut: Du kannst wahrscheinlich nur dazugewinnen, oder?

