Zeit und Zuwendung am Lebensende
Wenn klar ist, dass ein nahestehender Mensch bald sterben wird, bekommen gemeinsame Zeit und Zuwendung eine ganz andere Bedeutung. Viele wollen dann gezielt noch einmal schöne Stunden und Tage miteinander verbringen, nach Möglichkeit letzte Wünsche erfüllen. Woran Ihr denken könnt, um die Zeit am Lebensende möglichst erfüllend zu gestalten.
Das Wichtigste in Kürze
- Noch etwas gemeinsame Zeit zu verbringen, ist für die meisten Menschen am Lebensende besonders wichtig.
- Mithilfe von spezialisierten Vereinen lassen sich auch größere letzte Wünsche oft erfüllen.
- Angestellte können bis zu drei Monate im Job kürzertreten oder aussetzen, um nahe Angehörige an deren Lebensende zu begleiten.
- Sprecht rechtzeitig über persönliche Wünsche für das Lebensende und die Zeit danach.
- Religiöse Besonderheiten solltet Ihr rechtzeitig besprechen, damit sich alle daran halten können.
Schöne Zeit schaffen
Mit dem Wissen, dass ein geliebter Mensch nicht mehr lange da sein wird, erleben viele Familien eine Zeit, in der alles etwas schwieriger wird. Die meisten Menschen haben dann das Bedürfnis, noch einmal viel und schöne Zeit mit Freunden und Angehörigen zu verbringen, bevor es nicht mehr geht. Vermutlich geht es Dir auch so – und das ist ja auch nur logisch. Hinzu kommt, dass sich bei vielen Menschen, wenn der Tod allmählich näher rückt, noch einmal der Fokus verschiebt und sie bestimme Wünsche haben, was sie gerne noch ein erstes oder letztes Mal erleben würden.
Um letzte Wünsche zu erfüllen, ist oft der Faktor Zeit entscheidend. Wichtig für Dich: Wenn Du berufstätig bist, hast Du als nahe(r) Angehörige(r) die Möglichkeit, Dich für bis zu drei Monate von der Arbeit freistellen zu lassen oder vorübergehend auf eine Teilzeitstelle zu reduzieren, um mehr Zeit für einen bald sterbenden Angehörigen zu haben. Das ist auch dann möglich, wenn die sterbende Person in einem Hospiz oder Pflegeheim lebt. Ein Pflegegrad ist nicht nötig. Das Recht ist im Pflegezeitgesetz festgelegt und gilt für alle Angestellten, die in einem Betrieb mit noch mindestens 15 weiteren Personen arbeiten.
Gut zu wissen: Das Recht auf diese Aus- oder Teilzeit können beispielsweise Kinder, Ehepartner, Geschwister und Schwiegerkinder in Anspruch nehmen. Voraussetzung ist, dass ein ärztliches Attest die begrenzte Lebenserwartung bestätigt. Außerdem musst Du die Pflegezeit zehn Tage im Voraus schriftlich ankündigen.
Wünsche erfüllen
Vielleicht äußert Dein Angehöriger von sich aus bestimmte Wünsche. Vielleicht kannst Du durch Nachfragen herausfinden, ob es solche gibt. Oft gibt es die ein oder andere kleine Sehnsucht, wie etwa: Ich möchte so gerne noch einmal… … ans Meer fahren … Sterne gucken … ein bestimmtes Konzert hören … das besonders leckere Schokoladeneis mit den Schokostückchen essen
Solche kleinen Wünsche lassen sich oft relativ leicht erfüllen und bedeuten eine Menge an zusätzlicher Lebensqualität in den letzten Tagen oder Wochen. Manchmal gibt es aber auch größere Wünsche, die sich vor allem ältere Frauen meist kaum auszusprechen trauen. Falls Du einen größeren Wunsch in Erfahrung bringen und diesen gerne erfüllen willst, ist das vielleicht mit Hilfe eines spezialisierten Vereins möglich. Entsprechende Vereine haben zum Beispiel besonders ausgestattete Fahrzeuge, in denen auch bettlägerige Personen verreisen können. Sie besitzen spezielle Rollstühle, die auch auf Sandstrand, im Watt, ins Meer oder auf steinigen, steilen Pfaden hoch in die Berge fahren können. Vieles, was undenkbar scheint, ist mit der passenden Unterstützung durch Technik oder geschulte Ehrenamtliche doch möglich. Die Vereine heißen beispielsweise „Sternenfahrten“, „Wünschewagen“, „Sternenträume“ oder „Ein letzter Wunsch“. Eine Internetrecherche hilft herauszufinden, was wo möglich ist.
Bedürfnisse klären
Schon lange, bevor es auf die letzten Wochen zugeht, ist es sinnvoll, dass Familien darüber sprechen, wem eigentlich was wichtig ist. Für alle Beteiligten ist es deutlich angenehmer, wenn sie wissen, was zu tun ist, wenn Kranke und Sterbende sich nicht mehr klar äußern können.
Gut zu wissen: Versucht in diesen Gesprächen, möglichst wertschätzend miteinander zu kommunizieren, Bedürfnisse zu äußern, ohne zu (über)fordern, und Fragen zu stellen, ohne zu manipulieren.
Zu den wichtigen Fragen gehören zum Beispiel:
- Hast Du grundsätzliche Wünsche für die letzte Lebensphase?
- Was sind Deine Lieblingsspeisen und -getränke?
- Mit welchem Getränk sollen wir Dir den Mund betupfen, wenn er trocken wird?
- Welche Gerüche magst Du? Was geht gar nicht?
- Welche Berührungen magst Du? Wie sanft oder fest? Wie lange?
- Welche Musik tut Dir gut? Was beruhigt Dich und was belebt? Was geht gar nicht?
- Welche Kindheitserinnerungen gefallen Dir, die wieder aufgenommen werden können? Vorlesen? Wenn ja, was? Gute-Nacht-Kuss? Ein Nacht-Licht?
- Welche Rituale sind Dir wichtig? Wünschst Du Dir zum Beispiel eine Krankensalbung? Die Gelegenheit zu seelsorgerischen Gesprächen? Immer eine brennende Kerze im Zimmer?
- Gibt es Menschen, die Du auf jeden Fall in deinen letzten Tagen noch einmal sehen / hören möchtest? Gibt es andere, die fernbleiben sollen?
Details sind individuell
Klärt solche Fragen frühzeitig. Ein Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn zum Beispiel ist für manche wunderschön, andere empfinden ihn als total übergriffig. Der Duft von Lavendel oder frisch gemähtem Gras kann ganz viel Wohlgefühl auslösen oder aber ein schreckliches Jucken im Gaumen. Ein bestimmtes Parfum oder der Geruch nach Zigaretten kann wohlige Kindheitserinnerungen wachrufen oder Ekel und Panik schüren. Gerade solche vermeintlichen Kleinigkeiten sollten deshalb geklärt sein.
Spirituelles Testament
Schreibt solche Details am besten gemeinsam auf. Ein solches Schriftstück, manchmal „spirituelles Testament“ genannt, ist zwar nicht bindend im rechtlichen Sinne, aber für Angehörige und Freunde ist es oft hilfreich, weil sie sich daran orientieren können. Wer möchte, kann auch Wünsche zur Bestattung, zur Kleidung und zur Gestaltung der Trauerfeier inklusive Musikvorschlägen aufschreiben.
Schon manch ein Todkranker hat noch einige Male schelmisch gegrinst, als ihm sein niedergelegter Wunsch wieder einfiel, dass auf seiner Beerdigung alle Menschen in knallbunten, nicht zusammenpassenden Socken erscheinen sollen. Wenn Familien es schaffen, einerseits durchaus ernste Bedürfnisse und andererseits solche humorigen Wünsche gemeinsam zu notieren, verliert die Aussicht auf den nahenden Tod so einiges an Schrecken. Sofern Ihr ein „spirituelles Testament“ aufsetzt, ist es entscheidend, dass mehrere nahe Angehörige wissen, wo es sich befindet. Außerdem müssen sie auch darauf Zugriff haben.
Einschlafrituale besprechen
Nicht umsonst spricht man beim Sterben auch von einem letzten Einschlafen. Vielen Sterbenden fällt das leichter, wenn sie es gemütlich haben und somit in Frieden gehen können. Redet daher nach Möglichkeit auch über Einschlafrituale, zum Beispiel folgende Details:
- Magst Du es lieber ganz dunkel oder noch ein bisschen hell?
- Soll das Fenster geöffnet sein?
- Welches Kopfkissen bevorzugst Du?
- Soll die Decke bis ans Kinn reichen? Sollen die Arme bedeckt sein oder lieber auf der Decke liegen? Soll ein Bein über und ein Bein unter der Decke liegen? Sollen nur die Füße bedeckt sein und der Rest frei?
- Hörst Du gerne Musik oder eine Geschichte beim Einschlafen? Wenn ja, was geht immer?
Umsichtig sein
Wer die Antworten auf diese Fragen kennt, kann sich daran halten. Doch manche Menschen tun sich schwer damit, über solche Details zu sprechen, wenn sie den Eindruck haben, dass es dabei um ihr eigenes Sterben geht. Dann kann es sinnvoller sein, bestimmte Fragen allgemeiner zu stellen.
Du kannst zum Beispiel nach schönen Kindheitserinnerungen, Lieblingsgerüchen und typischen Einschlafritualen fragen. Alternativ oder zusätzlich kannst Du auch von Dir selbst erzählen und davon, was Dir wichtig ist, und dann passende Gegenfragen stellen. Oft ergeben sich daraus ganz besondere und schöne Gespräche. Und nicht selten ist die gefragte Person überraschend froh, dass sich jemand so sehr für ihre Wünsche und Bedürfnisse interessiert.
Vergangenheit bedenken
Bei solchen Gesprächen solltest Du stets den zeitlichen Kontext bedenken. Wenn Du Dich mit pflegebedürftigen Älteren unterhältst, ist es recht wahrscheinlich, dass diese in ihrer Kindheit mindestens schwere, wenn nicht sogar traumatische Erfahrungen gemacht haben. Für viele in den 1930er bis Ende der 1940er Jahre Geborene war es völlig normal, dass niemand nach ihren Bedürfnissen, Ängsten oder Wünschen fragte. Die Erwachsenen waren damals mit sich und ihren eigenen Wunden und Kriegstraumata beschäftigt. Die Kinder sollten funktionieren und möglichst keine Schwäche zeigen. Deshalb haben viele heutige Senioren nie gelernt, über ihre Gefühle zu sprechen. Es hat ja ihre gesamte Kindheit und Jugend niemanden interessiert. Wenn Du also nach persönlichen Bedürfnissen und Wünschen fragst, dann nimm Dir Zeit dafür und sei auf alles gefasst.
Sind solche Gespräche nicht mehr möglich, etwa weil eine Demenz schon weit fortgeschritten ist, hilft nur gezieltes Raten. Auch Bettlägerige zeigen häufig ein leises Lächeln, wenn sie etwas genießen, oder verziehen leicht die Mundwinkel nach unten, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Beobachte genau. Dann hast Du gute Chancen, dass sich die Mundwinkel möglichst oft nach oben bewegen.
Religiöse Besonderheiten
In den letzten Lebenstagen kann der Glaube eine besondere Stärke darstellen. Grundsätzlich sollten alle Sterbenden die Seelsorge und spirituelle Unterstützung erhalten, die ihnen wichtig ist.
Christen
Viele Katholiken wünschen sich zum Beispiel eine Krankensalbung, auch Letzte Ölung genannt, und den Empfang der Heiligen Kommunion im Angesicht des Todes (Sterbe-Sakrament). Manche wollen auch noch eine letzte Beichte ablegen. Evangelische Christen wünschen sich häufig noch ein letztes seelsorgerisches Gespräch mit einem Pfarrer oder einer Pfarrerin. Unmittelbar nach dem Tod ist es in der christlichen Tradition üblich, ein Fenster zu öffnen. Dieser Brauch rührt daher, dass man früher davon ausging, dass nur auf diese Weise die nun körperlose Seele in den Himmel aufsteigen kann.
Juden und Muslime
Jüdische und muslimische Familien haben andere Bräuche. Wenn Du eine solche Familie in den letzten Wochen begleitest, etwa als Freundin, Freund oder Hospizler, und Dich mit den religiösen Besonderheiten nicht so gut auskennst, kannst Du Deine Wertschätzung zeigen und Dich vorher kurz informieren und in jedem Fall vor Ort nachfragen, ob die Familie bestimmte Vorstellungen und Wünsche hat. So lassen sich unangenehme Fettnäpfchen vermeiden.
Buddhisten
Glaubt die sterbende Person an Buddha, kannst Du ihr den Sterbeprozess erleichtern, indem Du für eine ruhige Umgebung sorgst, damit die Phowa-Meditation gelingen kann. Mit dieser Meditation, die gläubige Buddhisten schon zu Lebzeiten einüben, soll es ihnen leichter fallen, den sterbenden Körper zurückzulassen und mit dem Geist in einen Zustand höchster Freude überzugehen.
Exkurs: Palliative Versorgung im Islam
Aktive Sterbehilfe lehnen sämtliche muslimischen Rechtsschulen ab. Doch aus islamischer Sicht spricht nichts gegen eine palliative Versorgung. Der Zentralrat der Muslime begrüßt sogar explizit deren Weiterentwicklung und Verbreitung. Auch Beruhigungs- und Schmerzmittel sind gestattet. Diese sollten allerdings weder Alkohol noch Inhaltsstoffe vom Schwein erhalten. In Ausnahmefällen darf aber auch darauf zurückgegriffen werden, wenn kein erlaubtes Mittel zur Verfügung steht. Es gilt als selbstverständliche Pflicht und als gutes Werk, eine sterbende Person und ihre Familie in den letzten Tagen und Stunden nicht alleine zu lassen. Wichtig zu wissen ist für Hospizler: Im Islam herrschen strikte Regeln für die persönliche Reinigung und das Gebet. Davon abweichend gelten aber Sonderregeln im Krankheitsfall. Bei Unsicherheiten kannst Du in der nächsten Moschee nachfragen.
Zusätzlich zu den genannten Hilfen finden viele Gläubige Ruhe und Dankbarkeit im Gebet und in Koran-Rezitationen. Als besonders wichtig gilt die Sure Yasin 36 des Koran. Darin geht es unter anderem um die Auferstehung am Jüngsten Tag. Einspielungen davon gibt es unter anderem auf Deezer, Soundcloud, Spotify und Youtube.
Wenn der Tod höchstwahrscheinlich bald bevorsteht, sollte die sterbende Person nach Möglichkeit auf die rechte Seite gelegt und ihr Gesicht in Richtung Mekka, also nach Süd-Osten in Deutschland, ausgerichtet werden. Alternativ ist auch die Rückenlage mit Blickrichtung nach Mekka möglich. Nach dem Tod sollte die nächste islamische Gemeinde informiert werden. Wer der Familie sein Beileid aussprechen möchte, sollte das möglichst innerhalb von drei Tagen nach dem Tod tun.
